11.06.2018

Leute, kommt erstmal runter. Studieren ist auch zum Leben da!

Nach dem Abi sofort studieren, bloß keine Zeit verlieren, alles zügig durchziehen, arbeiten und was dann? Irgendwas fehlt da doch. Ein Gespräch mit den Erfurter „Campusspezialisten“ über Engagement, Zeit und ihre Mission, Neulingen in Erfurt das Studium zur guten alten Zeit zu machen.

Dieser Artikel wurde im Auftrag und mit Untersützung von Das ist Thüringen verfasst.
Das Interview führte die Autorin Isabella (31)

Foto: Paul-Ruben Mundthal

An einem Montag um 12 Uhr sind wir zu einem Skype-Telefonat verabredet. Keine Ahnung, warum ich es vorgeschlagen habe, und ja, ich komme mir vor wie eine Internet-Oma. Entsprechend nervös sind wir alle dabei, unsere Versionen zu aktualisieren und die Passwörter zu erneuern. Als das Video aufpoppt, sitzen drei Studierende vor mir, Hannah, Josephina und Paul, alle Anfang, Mitte 20. Sie nennen sich Erfurter „Campusspezialisten“ und dienen als Anlaufstelle für Studierende und die, die es werden wollen. Ein Büro gibt es nicht, klar, alles online, der Service findet über Facebook, E-Mails – und zahlreiche Veranstaltungen statt. Das Zimmer, in dem sie jetzt versuchen, möglichst eng nebeneinander zu sitzen, um auf den Bildschirm zu passen, hat Hannah über den Studienrat klargemacht.

Jeder erzählt zum Einstieg, was er studiert und wie er nach Erfurt kam. Hannah zum Beispiel kommt aus Bayern und wollte bewusst woanders studieren. Für den Bachelor brauchte sie zehn Semester, jetzt studiert sie im Master Gesundheitskommunikation. Sie wechselte das Fach, und die Aufzählung darüber, in welchen Studenteninitiativen sie engagiert ist, ist endlos. Als sie von sich erzählt, denke ich „die hat aber lang gebraucht“ und schäme mich im nächsten Moment dafür. Dabei fragen Arbeitgeber heute doch genau danach, was man denn neben der Uni „sonst noch so“ gemacht habe, nach Engagement, Erfahrung, Interessen.

„Man muss manchmal auch Schwimmen, um herauszufinden, was man will“

Es erstaunt mich, wie unbeeindruckt die drei von Karrierestress und Leistungsdruck sind; sie geben Tipps, als hätten sie das Studentenleben längst hinter sich. „Heute informieren sich potenzielle Studierende Jahre im Voraus, das ist der Wahnsinn. Man kann doch immer nochmal wechseln, es ist doch nicht endgültig. Man muss manchmal auch Schwimmen, um herauszufinden, was man will.“ So ging es Hannah selbst auch – 2012 begann sie erst mit Germanistik und Management, 2013 entschied sie sich dann für Kommunikationswissenschaften. Die anderen beiden dagegen wussten früher, was sie machen wollen: Die Begleitung von Erwachsenen mit Behinderung im Alltag, Wohn- und Freizeitbereich ist Josephinas Berufswunsch, sie studiert Sonder- und Integrationspädagogik. Das sei das Gute hier in Erfurt: Man muss sich gar nicht für ein Fach entscheiden, man kombiniert einfach.

Foto: Paul-Ruben Mundthal

Aber worum geht es denn jetzt genau beim Studieren, was ist wichtig?

„Wenn ich sehe, wie viele Studierende in den Vorlesungen sitzen und auf ihren Handys rumtippen, wird mir schlecht. Sie können keine einzige Frage mehr beantworten. Wie kann das denn Spaß machen? Solche Studis sollten sich wirklich fragen, wofür sie das überhaupt machen und ob ein Studium überhaupt das richtige ist. Ja, Seminare sind manchmal öde. Aber man kann so viel herausholen, wenn man mitmacht.“ Paul weiß, wovon er redet. Er kam ganz bewusst hierher, seinen Studiengang Lehr-, Lern- und Trainingspsychologien gibt es nirgendwo anders. Wenn er also hier nicht mitmacht, wo dann?

Vor allem sind die drei für „die Neuen“ da. „Die Einführungswoche ist super, es wird wirklich viel gemacht, die zeigen dir alles, von Party bis Stundenplan. Du kannst hier nicht verloren gehen.“ Bei knapp 6.000 Studierenden, mit FH 10.000, und 200.000 Einwohnern kann man den Überblick noch behalten. Stimmt.

Und wo findet es statt, das Leben außerhalb des Campus?

Die Frage geht an die drei Spezialisten, die durcheinanderrufen und zusammengefasst etwa das sagen: Setz dich in ein kleines Café in der Altstadt, auf eine Schaukel auf dem Petersberg, setz dich an eine Stelle am Wasser. Trink im Pub ein Bier, lass dich im Kulturzentrum Engelsburg inspirieren, hüpf Trampolin im Hirschgarten, halte die Peinlichkeit beim Power Point Karaoke aus, geh für ein paar Euro ins Theater, iss im Goldhelm ein Gin-Gurke-Eis oder mach in der Nachtschicht einen drauf. Und wo gibt es günstiges Bier? Bier? Man trinkt hier doch Pfeffi, du hast ja keine Ahnung. Und dann geh verkatert, aber mit besten Absichten in die Uni und mach verdammt nochmal mit! Am Ende hast du vermutlich eh einen unaussprechlichen Jobtitel (irgendwas mit...) und es ist zweitrangig, was du studiert hast. Was nicht zweitrangig ist, ist, wo du studiert hast, wer du im Studium geworden bist, zu was es dich befähigt hat: Zum kritischen, eigenständigen Denken. Ein Studium – das ist kein Abklatsch für den Lebenslauf. Es ist ein Angebot, eine Chance sich zu entwickeln, persönlich aber auch fachlich.

Foto: Paul-Ruben Mundthal

„In Erfurt lässt es sich gut leben“ – zum Beispiel auf 32 Quadratmeter für 260 warm

Und dann folgt noch eine Aufzählung an Aktivitäten, die man machen kann und die nichts oder nur wenig kosten. Josephina hat in diesem vor, ihren Poi-Kurs fortzuführen, irgendwas mit Spinning und brennendem Feuer – schon ihre Vorfreude darauf wirkt ansteckend. In Erfurt lässt es gut leben, sind sich alle einig. Paul zum Beispiel wohnt auf 32 m2 für 260 Euro warm, davon träumen andere Studierende nur. Und nebenbei lernt man vielleicht die große Liebe im Vorlesungssaal kennen – oder beim Nebenjob: Etwa beim Glühweinausschank auf dem Weihnachtsmarkt, im Café, beim Post austragen, als Hiwi an der Uni, Babysitter, Fahrradkurier, als Schreiberling bei der Thüringer Allgemeinen, beim MDR, Kika oder sonst wo. Oder man findet Freunde, wie Josephina, die so viele Menschen kennengelernt hat, die nicht mehr wegzudenken sind.

Die drei, so ist mein Gefühl nach zwei Stunden Videotelefonat, tragen dazu bei, einem Studienanfänger in Erfurt die Zeit an der Uni zur guten alten Zeit zu machen, über die sie später reden werden. Wer wie ich das Studium längst hinter sich hat, hätte sie gerne früher kennengelernt. Studieren ist zum Lernen und Leben da, man hat es selbst in der Hand. Aber die Campusspezialisten an der Seite zu haben, kann beim besten Willen nicht schaden.

Foto: Paul-Ruben Mundthal

Studieren in Thüringen - Die Universität Erfurt

Die Universität Erfurt ist eine von 12 Hochschulen im Freistaat Thüringen und fasst knapp 6.000 Studierende. Sie gliedert sich in vier Fakultäten mit einem geisteswissenschaftlichen Profil. Ihr wollt auch etwas zu den anderen Hochschulen erfahren? Hier und unter #wasgehtthueringen findet ihr alle Informationen.

Hier kannst du dich direkt an die
drei Campusspezialisten wenden.